Mittwoch, 7. November 2007

Ansichten eines Orientalistik-Studenten


FRANKFURTER ORIENTALISTEN – wer sind wir, was machen wir, was bewegt uns? Da uns nicht alle kennen, eine kleine Vorstellung. Im Folgenden finden sich einige Hintergründe zu uns, dem Studium an sich und zu unseren Gedanken.

ORIENTALISTIK?
Was macht man da?
Willst Du zum Islam konvertieren?
Sympathisierst Du mit Terroristen?Das sind die Fragen, mit denen man als Student dieses Faches, welches gerne als "exotisch" bezeichnet wird, bisweilen leben muss. Die Inhalte des Studiums sind vielen Menschen nicht bekannt – im Gegensatz zu Jura oder BWL. Dabei handelt es sich um Themen, die verschiedenste Bereiche von Forschung und Lehre tangieren. Mathematik, Philosophie und Kunst sind nur einige der wissenschaftlichen Dimensionen, die durch den Orient eine starke Prägung erfahren haben. Dem weiten - oft unterschätztem - geistigem und kulturellem Erbe des frühen Orients stehen die aktuelle politische und religiöse Bedeutung des Faches gegenüber, ebenso wie natürlich Sprachen und Kulturerfahrung.

WER SIND WIR? WIE SIND WIR?
Man kann davon ausgehen, dass junge Menschen, die sich zu einem Studium im kultur- oder sprachwissenschaftlichen Bereich bewegen, schon relativ vorurteilsfrei der Welt gegenüber sind. Wenn nicht, bekommt man bei uns reichlich Gelegenheit dazu, das "Andersartige" zu begreifen und zu erleben. Die meisten von uns sind Sozial-, Kultur-, Sprach- oder Religionswissenschaftler, die sich besonders für den Orient bzw. den Islam interessieren. Darüber hinaus gibt es in den Sprachkursen jedoch auch eine große Anzahl Teilnehmer aller Fachbereiche, die hier Kenntnisse in den Sprachen Arabisch, Persisch, Türkisch, Hebräisch sowie Syrisch-Aramäisch erwerben oder ausbauen möchten. Hin und wieder finden sich dazu sogar Schüler, Berufstätige oder Rentner als Gaststudenten ein.Die Atmosphäre ist freundlicher als in vielen Massenfächern, da man einander kennt und der Großteil der Studierendendas Fach nicht auf elterlichen Wunsch oder Karriereorientierung hin studiert, sondern sich ob dessen sorgfältig Gedanken gemacht hat und auch eine tiefer gehende Begeisterung für die Lehre mitbringt. Dadurch entwickeln sich gemeinsame Interessen und teilweise auch lebhafte Diskussion. Wir sind aber auch die Studenten der letzten Semester in diesem Fach an der Universität in Frankfurt, denn seit 2005 werden keine neuen Studenten infolge der hessischen Orient-Zentrenbildung mehr aufgenommen. Anfang 2006 wurde uns mitgeteilt, dass wir unser Studium bis 2009/10 beenden müssen, da dann der komplette Umzug von Frankfurt ins neue Zentrum nach Marburg erfolgen soll. Von daher müssen wir mit dem Druck leben, das nicht gerade leichte Studium in der Regelstudienzeit erfolgreich voranzutreiben, und uns mit einer eher eingeschränkten Lehre zufrieden geben, um die wir im Sommersemester 2007 sogar noch kämpfen mussten. Nun jedoch in größerem Ausmaß für unsere Bibliothek, denn ein Studium, ganz besonders das Hauptstudium aufgrund des selbstständigen Arbeitens auf Grundlage vieler Quellen, ist ohne umfassende Literatur nicht möglich.

DER WEG ZUR ORIENTALISTIK
Als gutes Beispiel für die Motivation zum Orientalistik-Studium lässt sich vielleicht meine Geschichte darstellen: Mit 13 Jahren durfte ich mit meinen Eltern auf eine für dieses junge Alter mehr als abenteuerliche Studienreise nach Israel und auf die Sinai-Halbinsel. Eine Woche mit Beduinen und Kamelen durch die Wüste, nur Fladenbrot und Tee zu den Hauptmahlzeiten sowie Nächte unter Millionen von Sternen. Ein derartiges Erlebnis prägt fürs Leben, so dass ich zum Beispiel dann kurz nach meinem 21. Geburtstag zu Hause einen Zettel liegen ließ (meine Familie war gerade selbst verreist): "Ich bin in Marokko. Komme nächste Woche wieder. Hier ist die Adresse ... meine Flüge ..." Es kam eine Lebensphase, in der ich unbedingt mehr über den Orient erfahren wollte. Interesse an Sprachen hatte ich schon lange, so dass Arabisch und Persisch eine neue Herausforderung darstellten. Alsdann war es keine schwierige Entscheidung, Orientalistik zu wählen. Auch wenn es häufig ein harter Kampf mit Übersetzungen ist, die einen viel Zeit und manchmal auch Nerven kosten, und der fortschreitende Abbau des Faches in Frankfurt dem Beschreiten eines steinernen Weges gleichkommt, hat sich die Entscheidung gelohnt.

BESONDERE ERFAHRUNGEN
Was mich in den bisherigen zwei Jahren am meisten beeindruckt hat, war das sehr gute Verständnis unter den Studierenden trotz verschiedenster Herkunft und Religion. Meiner Meinung nach macht man hier die beste Erfahrung, dass Integration und multikonfessionelles Miteinander durchaus möglich und auch in Teilen der Gesellschaft durchgedrungen sind. Dabei erlebt man Geschichten, die leider in der Öffentlichkeit vor lauter kritischer Medienstimmung und Realitätsverzerrung untergehen:Beispielsweise wurde ich zu meinem ersten Kirchenbesuch in Frankfurt von einer muslimischen Kommilitonin bewegt. Eine andere berichtete eines Tages stolz davon, wie sie bei einem Konzert eines islamischen Vereins mit ihren Freunden die Geschlechtertrennung im Saal ignorierte und trotz manch schiefen Blicks den Abend in "gemischter" Runde genoss. Es gibt andere Realitäten. Aber dies ist ebenfalls eine - die jedoch von kaum jemandem wahrgenommen wird, weil sich beide Seiten nicht trauen, aufeinander zuzugehen. Die dafür nötigen "Werkzeuge" kann man bei uns erhalten oder aber auch bestärken. In Afghanistan oder dem Irak hätte ich nur Angst vor Bomben. Aber nicht vor den Menschen. Vielmehr empfinde ich für sie eine tiefe Bewunderung und Faszination. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich diese Länder bereisen kann. Bei meinen Orient-Aufenthalten, die sich bisher eher in ruhigen Ländern wie eben Marokko, Jordanien und Ägypten abgespielt haben, konnte ich stets gute Erfahrungen mit den Menschen und der Kultur machen. Die Herzlichkeit, mit der man dort willkommen geheißen wird, fehlt mir häufig in unserer schnelllebigen und kühlen Welt. Ebenso die Zufriedenheit mit den "kleinen" Dingen des Lebens. Es lohnt sich also ein Blick aus anderer Perspektive auf diese Welt, die trotz aller Negativ-Schlagzeilen in vielerlei Hinsicht mehr als einen Hauch von 1001 Nacht bewahrt hat.

PRAXIS
Doch ist der Studiengang Orientalistik natürlich auch von fachlicher und theoretischer Bedeutung, wenn es darum geht, die Unterschiede zwischen unserer Welt und der des Orients zu ergründen und damit auch die den meisten verborgenen Wurzeln der aktuellen Weltkonflikte kennen- und einzuschätzen zu lernen. Sicher sind Gepflogenheiten, die einst für Nomadenvölker eine augenscheinliche Logik hatten und möglicherweise eine Überlebensnotwendigkeit darstellten, heute nicht mehr zeitgemäß und werden dennoch weiter häufig wortwörtlich so ausgelegt und gelebt. Keinesfalls stellt dies eine Rechtfertigung für menschenunwürdige Handlungen dar. Jedoch kann man mit den gewonnenen Einsichten ein gewisses Verständnis entwickeln, welches für die Lösung der Spannungen von größter Wichtigkeit ist. Man neigt in unserer Gesellschaft dazu, vorschnell Schlüsse zu ziehen sowie Veränderungen strikt und von heute auf morgen durchsetzen zu wollen. Die Effekte davon spürt man dann im Zusammenbrechen der Kulturen und Völker, in die wir derart radikal eingreifen. Und in unserem Drang nach einer Welt in "unseren" Maßstäben vergessen wir, wie lange es uns selbst an Zeit gekostet hat, bis wir dort angekommen sind, wo wir heute stehen. Dazu sind auch wir trotz unserer so viel gepriesenen "Zivilisation" und formalen "Rechtsstaatlichkeit" bei weitem nicht die idealen Menschen. Ein Beispiel aus der Lehre: Ein beliebtes Vorurteil im Westen gegenüber dem Islam ist die Polygamie - dass ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet sein darf - und das womöglich nur zu seiner Freude. Dabei sieht man die Frauen in einer Opferrolle. Doch von der Idee her - und das wissen leider die wenigsten, zugegeben auch heute noch mancherorts im Orient - war es genau umgekehrt angedacht: Die Möglichkeit der Polygamie sollte z.B. verwitweten Frauen Schutz bieten. Quasi eine Art Sozialversicherung. Der Gedanke war also zumindest für die damalige Zeit sehr fortschrittlich. Aber wer fragt jemals danach?Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Studiums lautet: Im Islam gibt es Für und Wider wie in allen Religionen, und vor allem gibt es nicht "DEN" Islam, wie er gerne von westlichen Gesellschaften bezeichnet wird. Es gibt unzählige verschiedene Richtungen mit verschiedenen Glaubensauffassungen, die sich teils fremd oder gar verfeindet sind. Dies zu akzeptieren, ist wichtig für einen vorurteilsfreien Umgang mit Muslimen - ganz gleich ob hier oder im Ausland.

FAZIT
Orientalistik, ganz gleich ob als reine Orientalistik oder auch mit islamwissenschaftlichem (religiösem) oder arabistischem (sprachlichem) Schwerpunkt, ist ein facettenreiches und wertvolles Fach, dessen Bedeutung gerade in den letzten Jahren zugenommen hat. Mit dem 11. September setzte ein großer Zulauf ein (welcher durch die Abschaffung des Faches in Frankfurt abrupt abgebrochen wurde): Mehr Menschen möchten mehr über den Islam erfahren. Mehr Menschen möchten Arabisch lernen, da Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten auch weiterhin beliebte Reiseziele bleiben und die Golfstaaten durch ihren rasanten wirtschaftlichen Aufstieg eine neue Façon orientalischer Faszination ausstrahlen. Nicht zuletzt stellen die genannten geistigen Erbe (also etwa Mathematik, Medizin, Philosophie) eine bedeutende Basis für verschiedene Wissenschaften dar.

UNSERE BIBLIOTHEK
Um Argumente gegen den Umzug hier auszuklammern, denn Argumente sind in den Beiträgen reichlich genannt: Unsere Bibliothek ist meist ein Ort der Ruhe, im Gegensatz zu den größeren Lesesälen der Universität. Deshalb lernt man hier zeitweise auch für andere Fächer. Zugegeben ist sie wegen dem Alter des Gebäudes und dessen allgemeinem Zustand nicht der idyllischste Ort auf dem Campus, jedoch ein wenig gemütlich und umgeben von einer Atmosphäre, die man nach dem möglichen Umzug sicher vermissen würde.

DIE POLITIK DER ZENTRENBILDUNG
Unsere Bemühungen drehen sich derzeit lediglich um die Bibliothek der Orientalistik, um den uns zugesicherten Abschluss des Studiums bis 2009/10 erreichen zu können. Dazu gibt es auf unserem Blog reichlich Informationen in Form von Pressemitteilungen und -berichten. Dennoch ist es wichtig, an dieser Stelle noch einmal einige Worte allgemein zur Zentren-Bildung zu erwähnen:Über den Sinn von wenigen (Orient-)Zentren, welche die Kräfte einer Region bündeln sollen, wurde bereits viel geschrieben. Die unter Lehrenden und Studierenden weit verbreiteten Ansichten sind dabei klar: Universitäten dürfen nicht zu Bildungsmärkten in Massenfächern verkommen, sondern sollen die Lehre in ihrer Breite beibehalten. Denn sind es nicht gerade die "exotischen" Fächer, die einer Universität das Besondere verleihen? Die eine Universität, einen "Ort des Wissens" erst zu diesem machen? Leider sehen das die sich vermehrt ins Universitätsleben einmischenden international agierenden Firmen und vor allem die Universitätsleitungen mit anderen Augen. Sind nicht gerade die Nebenkompetenzen, die man in diesen Fächern gewinnen kann, heute so sehr gefragt? Unternehmen reicht es schon lange nicht mehr, wenn Bewerber mit Englisch als einziger Fremdsprache daher kommen oder Studenten einfach ein BWL- oder Politikwissenschaftsstudium mit einer guten Note abschließen, ohne daneben weiter reichende Qualifikationen erworben zu haben. Deshalb ist es mehr denn je erstrebenswert, sich im Studium einen - oder auch mehrere - regionale und sprachliche Schwerpunkte setzen zu können. Ob das Indien, China oder eben ein orientalischer ist, steht dann im eigenen Interesse. Denn jegliche kulturelle Kompetenz ist eine wertvolle, Basis für konstruktive Dialoge und Gedanken, die über einen gewissen Horizont hinausgehen. Durch Zentrenbildungen wird man in seiner persönlichen Studienwahl weiter eingeschränkt, als es sowieso schon wegen Wohnmöglichkeiten, Studienordnungen und aus anderen studientechnischen Gründen der Fall ist. Viele Studierende müssen einen Kompromiss eingehen - gehe ich an das Zentrum meines Wunschfaches und gebe mich mit anderen Haupt-/Nebenfächern zufrieden - oder lasse ich aufgrund möglicherweise besserer Berufschancen in einem anderen Fach, zwecks Wohnungsnähe meinen Traum vom Studium des Faches verfliegen? Jungen Menschen diese Entscheidungen zu erschweren ist ein unbedachtes Vergehen gegen talentierten Nachwuchs einer Generation, die es in all diesen Punkten zu fördern gilt. Deutschland war immer eine Nation von herausragender Hochschulbildung. Nicht umsonst können wir uns auch in diesem Jahr wieder über Nobelpreisträger freuen, nicht umsonst kommen so viele Studenten aus anderen Ländern zu uns. Wir haben eine hoch qualifizierte Lehre, eine breite Lehre – und besonders: eine freie und kritische Lehre. Das alles sollte man nicht aufgeben in der Gier nach einem Platz unter den Top-Universitäten der Welt. Studenten sind keine Kunden, sondern die Gesellschaft von morgen! Schließlich sollte es in Frankfurt, der Stadt, die sich so gerne als Vorbild von Multikulturalität und Integration bezeichnet, eine Selbstverständlichkeit sein, Kulturwissenschaften in einer großen Varietät studieren zu können.Die Orientalistik ist – wie alle gelehrten Fächer – ein wertvolles Studium, welches in jedem Fall erhaltens- und fördernswert sein sollte.
JAN K.

Kommentare:

julia p hat gesagt…

Hi Jan , du hast im Grunde alles gesagt, die Orientbibliothek ist ein wirklicher Schatz,den man nicht so leicht aus der Hand geben sollte, wenn man an den Geisteswissenschaften noch interesse hat. UNd jeder der einmal in ihr war, wird das bestätigen, doch der wahre Wert läßt sich nicht in EUROs bemessen...

Jan K. hat gesagt…

Auch wenn der ideelle Wert eben unschätzbar ist, alleine schon der finanzielle Wert macht es ungeheuerlich, die Werke "einfach so" herzugeben:

Wir haben ca. 40.000 Bücher. Um den Bibliothekswert auf 1 Mio. Euro zu bezeichnen, müsste jedes Buch im Schnitt 25 Euro kosten. Das ist aber wohl vielmehr der geringste Preis, mit dem man ein Buch bei uns überhaupt beziffern könnte. Wenn man dann davon ausgehen kann, dass einige Bücher wegen ihrer Einzigartigkeit und Geschichte de facto hunderte oder gar tausende Euro wert sind, ist das in Zahlen schon gar nicht mehr drastisch genug darstellbar.

Und das sind nur die bloßen Zahlen.
Die Inhalte der Bücher und ihre Geschichte sind noch weit bedeutender.