Freitag, 26. Oktober 2007

Stellungnahme der Studierenden vor dem Senat


Der Protest der Studierenden der Orientalistik richtet sich nicht gegen die umstrittene Zentrenbildung geisteswissenschaftlicher Disziplinen, sondern allein gegen den Transfer der Orientbibliothek nach Marburg im Zuge dieser Zentrenbildung.
I. Für ein Verbleiben der Orientbibliothek in Frankfurt bis mindestens 2010 spricht:
die Zusage von Seiten der Universität und deren Verantwortlichen, dass Studenten bis 2010 ihr Studium in FFM mit dem Magister im Fach Orientalistik abschließen dürfen.
Im vergangenen Sommersemester wurden – erst nach studentischem Protest – zwei Mitarbeiterstellen angehoben, um das Unterrichtsangebot aufrechterhalten zu können. In keinem folgerichtigen Zusammenhang steht daher der geplante Abzug der Bibliothek: Wie ein Studium in Regelstudienzeit absolvieren ohne Bücher; wie überhaupt studieren ohne Bücher???
Weiterhin sollten die allgemeinen Studiengebühren, die auch von uns Orientalistikstudenten gezahlt wurden, unsere Studienbedingungen verbessern und nicht verschlechtern:
· UniReport (online-Ausgabe), August 2007, S.1, 3 u.4
· Udo Corts: www.muk.uni-frankfurt.de/Studienbeitraege/doc/01-Studienbeitraege-corts.pdf, S. 2 unten
· Steinberg: www.muk.uni-frankfurt.de/Studienbeitraege/index.html
· Uni-Satzung: www.muk.uni-frankfurt.de/Studienbeitraege/doc/HMWKgenehm_Satzung.pdf, S. 8, § 10.
II. Für einen Verbleib der Orientbibliothek in Frankfurt überhaupt spricht:
· Eine Bibliothek ist ein Organismus, dem man nicht einzelne Teile abtrennen kann, ohne immense Einschränkungen in der Funktionalität zu provozieren. Die Bestände verweisen aufeinander und so würden manche Titel unbrauchbar oder unauffindbar werden.
· Die Orientalistik hat an der Universität eine lange Tradition, denn schon 1913 wurde ein Lehrstuhl für semitische Philologie von einem jüdischen Bankier, Jakob Heinrich Schiff, gestiftet, welcher die judaistische Forschung und Lehre ergänzen und erweitern sollte. In Zeiten des Wandels der Goethe-Uni zu einer Stiftungsuniversität könnte man sich seiner Wurzeln besinnen!
· Weiterhin ist die Bibliothek mit anderen Instituten vernetzt. So gab es Absprachen – unter anderem mit der Sprachwissenschaft von Herrn Prof. Gippert –, dass Titel nicht doppelt angeschafft wurden um Mittel zu sparen (Undank ist der Welten Lohn!). Das heißt Sprachwissenschaftler kamen zu uns in die Bibliothek und wir gingen in die Georg-Voigt-Str.
· Die Orientbibliothek war ein gewichtiger Grund, warum die zwei Stiftungsprofessuren für Islamische Religion nach Frankfurt kamen und wird vielleicht das Zünglein an der Waage für das Exzellenz-Cluster im Bereich Wissenschaftsgeschichte mit dem Schwerpunkt „Vorderer Orient“ sein.
· Überhaupt ist der Bestand der Orientbibliothek relevant für alle Sprach-, Kultur-, Geschichts- und Religionswissenschaftlichen Disziplinen. Folgerichtig haben sich in der Senatssitzung vom 24.10.2007 unter anderem die Dekane der Fachbereiche 06/07 (Theologie), 08 (Philosophie/Geschichtswissenschaften), 09 (Sprach- und Kulturwissenschaften) für den Verbleib der Orientbibliothek eingesetzt.
III. Zur Senatssitzung vom 24.10.2007:
Vollkommen an der Sache vorbei sind die Aussagen von Herrn Vizepräsident Ebsen:
1. Der Transfer betreffe bloß „unwichtige Bestände“!
·
Die im Schreiben von Herrn Ebsen (15.10.07) geforderten Bücher für den Abzug im November 2007 betreffen die Signaturen K, S, R, La-Ls: 2/3 der Bibliothek!!!
· Die Signatur R ist das Rückgrat unserer Bibliothek: R steht in der Bibliothekssystematik für „Arabische Texte“ – absurd, oder? Eine Orientalistik ohne orientalische Literatur!
· Zu den Unterpunkten der R-Signatur gehören unter anderem Koran, Recht, Hadith-Literatur (Aussprüche des Propheten), Dogmatik, Philosophie, Poesie, Geschichte, Geographie, Mathematik etc.
· Die Signaturen Ra1-Rz9 umfassen allein ca. 15 000 von ca. 40 000 Bänden.
· Für Herrn Prof. Daiber und seine Mitarbeiter käme ein Abzug der Bibliothek einem Berufsverbot gleich! – einem Studierverbot für uns Studenten!
2. Einschränkungen in Forschung und Lehre im Bereich der Iranistik (Signatur S) seien zu verkraften!
·
Konkrete Zahlen kennt Herr Ebsen allem Anschein nach nicht: In der Orientalistik finden die Persischsprachkurse I-III statt, wobei der dritte Kurs ein Lektürekurs ist.
· Weiterhin ist Herrn Ebsen nicht klar, wie weit reichend iranistische Quellen für die islamische Verkündigung sind, da sich die islamische Eschatologie (sowie die jüdisch-christliche!) aus iranischen Quellen speist. Und es lässt sich nicht konstatieren, dass islamische Eschatologie eine Randerscheinung des muslimischen Kerygmas (respektive Verkündigung!) sei!
· Außerdem sind die ältesten grammatischen und philologischen Zeugnisse des Arabischen von persischen Gelehrten verfasst worden und der persische Sprach- und Kulturraum für die orientalistische Forschung von großem Belang.
· Überhaupt ist es für die Mitarbeiter von Herrn Prof. Gippert unabdingbar für ihre Forschung auf unsere iranistische Bestände zurückgreifen zu können!
3. Weiter bräuchten Studenten im Hauptstudium weniger Bücher, weshalb es zumutbar sei, dass sich Studenten einzelne Bücher aus Marburg besorgten.
·
Ohne Kommentar!
4. Marburg würde dem Orientalischen Seminar umfangreiche Semesterapparate zur Verfügung stellen!
·
Unsere Bücher sind noch nicht digital erfasst. Wenn weite Bestände jetzt abgezogen würden, sehe ich keine Möglichkeit, dass im Jahre 2008 weder Semesterapparate mit Literatur bestückt noch Studenten mit Literatur versorgt werden können: über 20 000 Karteikarten zu digitalisieren ist eine Aufgabe die eine außerordentliche Arbeitskraft voraussetzt und dennoch Monate und Jahre dauern kann.
5. Marburg würde, wie alle anderen Zentren in Hessen, 2009/2010 evaluiert werden!
·
Wie im vorangehenden Punkt betrifft diese Aussage die Organisation eines Bibliotheksumzuges. Denn selbst wenn Marburg die Bücher bekäme, wären diese meines Erachtens noch nicht für die Studenten in Gänze 2009/2010 verfügbar. Das Orientzentrum könnte sich rühmen eine hervorragende Bibliothek zerstört zu haben mit dem Ausblick in den kommenden Jahren ihren Studenten eine große Zahl Bücher zur Verfügen stellen zu können – aber nicht bis 2009/2010!

1 Kommentar:

Jan K. hat gesagt…

Zur angedachten "Bücherausleih-Butterfahrt" nach Marburg ist ja besonders zu sagen, dass nicht nur Frankfurter Studenten betroffen sind - für die es auch schon ernst genug wäre:

Schließlich ...
... braucht man selten nur ein Buch, sondern mehrere, so dass man nicht immer alle transportieren könnte.
... kollidieren eigener Stundenplan und Öffnungszeiten von Bibliotheken täglich.
... hat man nicht einmal so einen Tag in der Woche frei, wo man nach Marburg fahren könnte.
--> Für eine Ausleihe von Seiten eines Frankfurter Studenten in Marburg bräuchte es MINDESTENS 4 Stunden Zeitaufwand (3 Std. U-Bahn/Bus/Bahnfahrt + 1 Std. Recherche/Ausleihe). Das ist in einer gewöhnlichen Uni-Woche mit Seminaren und anderen Verpflichtungen kaum machbar.
... braucht man besonders in Zeiten von Hausarbeiten (die im Hauptstudium in großer Anzahl obligatorisch sind; dazu kommen natürlich Magisterarbeiten) mehrere Bücher und es reicht nicht, nur einmal pro Woche in eine Bibliothek zu kommen.

Und wie gesagt, es sind eben nicht nur Frankfurter Studenten, die schon eine Anfahrtzeit von mindestens 1,5 Stunden (einfach!) zur Marburger Uni hätten, sondern auch andere. Ein großer Teil unserer Studenten kommt aus Südhessen (Darmstadt, Groß-Gerau), dem nördlichen Baden-Württemberg (Mannheim) oder der Region Limburg/Westerwald. Entsprechend muss man zwei bis drei Stunden mehr Fahrtzeit einrechnen.